Diplom Psychologin Ulrike Duke Sichere Bindung als Schutzfaktor und Ressouce Bindungstheorie nach Bowlby
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Sichere Bindung als Ressource und Schutzfaktor - Bindungstheorie nach Bowlby

Gastbeitrag von Assistentin Sandra
Warum verspürst Du Wut im Bauch, wenn Deine Mutter Dich anruft um zu fragen, wie es Dir geht? Woher kommt das Gefühl des Alleinseins, auch wenn Du mit Deinen Freundinnen unterwegs bist? Warum fällt es Dir schwer, freundschaftliche oder intime langfristige Beziehungen zu führen? Und, warum sind neue Lebensumständen oder Veränderungen in Deinem Leben immer schwierig für Dich?
 
Wenn Dir das ein oder andere bekannt vorkommt und Du immer wieder die gleichen Gefühle hast, die Du bisher nicht einordnen konntest, dann kann es sinnvoll sein Dir Gedanken zum Thema sichere Bindung zu machen. Denn Bindung kann eine Antwort auf viele Fragen sein, da sich frühkindliche Erfahrungen oft im späteren Leben zeigen beim Übergang von der Schule zum Studium, in Paarbeziehungen oder in beruflichen Situationen mit Chefs und Kollegen.

Die Bindungstheorie nach Bowlby

Der englische Psychoanalytiker John Bowlby und die amerikanische Entwicklungspsychologin Mary Ainsworth entwickelten die Bindungstheorie. Bowlby kam im Rahmen seines Forschungsprojektes mit Waisenkindern nach dem Ende des zweiten Weltkrieges zu dem Ergebnis, dass Menschen ein Bindungssystem angeboren ist, das sie motiviert in kritischen Situationen die Nähe von Bezugspersonen zu suchen für Schutz und Sicherheit. Seiner Meinung nach sind die emotionale Entwicklung und die psychische Sicherheit nur durch Bindung möglich. Bindung ist somit ein primäres angeborenes Motivationssystem, das dem Überleben dient. 
 
Bindung wird als zeitliches und räumliches überdauerndes emotionales Band zwischen zwei Personen definiert.“
                (Mary Ainsworth)
 
Mary Ainsworth wies in  zahlreichen Studien nach, dass sich Bindungen im Hinblick auf ihre Qualität von einander unterscheiden. Mit dem von ihr entwickelten Test der Fremden-Situation kann die Bindungsqualität zwischen dem Kind und der Bezugsperson erfasst werden. Es lassen sich dann vier Bindungstypen unterscheiden, die Personen spezifisch sind. 
 

Wie entsteht sichere Bindung?

Das Bindungsverhalten wird maßgebend in den ersten drei Lebensjahren für das ganze Leben beeinflusst. Direkt nach der Geburt erkennt das Baby die Stimme der Mutter und auch ihren Geruch. Die Eltern haben eine biologische Disposition, die in der Regel dafür sorgt, dass sie eine starke Bindung zum Kind verspüren. Das Kind entwickelt im Verlauf der Zeit eine emotionale Bindung zu den engen Bezugspersonen. Die wichtigste Rolle spielt dabei die Feinfühligkeit, denn ein Kind bindet sich an die Person, die meistens zur Stelle ist und mit empathischer Fürsorge auf seine Bedürfnisse eingeht. Das bedeutet, die Bezugsperson muss die kindlichen emotionalen Signale in Form von Schreien, Weinen, Klammern wahrnehmen, richtig  interpretieren und prompt und angemessen reagieren, indem sie dem Kind hilft negative Gefühle zu regulieren. Darüber hinaus ist es wichtig, dass Bezugspersonen die Fähigkeit besitzen, Absichten und Bedürfnisse des Kindes zu benennen. Dem Kind bedingungslose Liebe entgegenzubringen und ihm das Gefühl von Einzigartigkeit zu vermitteln sind ebenfalls wichtige Aspekte. Dieses Zusammenspiel in einer häufigen positiven Interaktion zwischen Bezugsperson und Kind festigen die Bindung, die Bezugsperson wird zur sicheren Bindungsperson. So entsteht eine vertrauensvolle Beziehung und sichere Bindung. Diese positiven Bindungserfahrungen werden dann im Innern als internale kognitive Arbeitsmodelle abgespeichert, dass heisst das Kind entwickelt ein inneres Modell von zuverlässigen und emotional verfügbaren Bindungspersonen, und von sich selbst als wertvollen und sozial geschätzten Menschen. Diese „kognitive Landkarte“  steuert bei neuen Bindungserfahrungen das Handeln und dient der Verwirklichung von Bedürfnissen nach Schutz und sozialem Kontakt. Durch neue Interaktionen werden sie verfeinert, erweitert und verändert.

Wie entstehen unsichere Bindungsstile?

Das Gefühl der sicheren Bindung wird sich bei einem Kind nicht einstellen, wenn enge Bezugspersonen in kritischen Situationen nicht zuverlässig zur Stelle sind oder sich nicht feinfühlig verhalten. Die Suche nach Schutz und Nähe ist somit nicht erfolgreich und beim Kind entsteht Zweifel an der eigenen Fähigkeit Probleme zu bewältigen und der Zuverlässigkeit und dem guten Willen der anderen. Zur Emotionsregulation werden dann andere defensive Strategien entwickelt, die bis ins Erwachsenenleben andauern.
 
So kann es zur Hyperaktivierung des Bindungssystems kommen, und die Person unternimmt vermehrte Bemühungen Nähe zur Bindungsperson aufzubauen um Aufmerksamkeit und Unterstützung zu erhalten. Sie sucht fast zwanghaft nach Nähe und reagiert auf Zurückweisung sehr sensibel. Sie zeigt eine Neigung zum andauernden Grübeln über die eigenen Schwächen und die mögliche Gefährdung der Beziehung. Es kann aber auch zur Deaktivierung des Bindungsbedürfnisses kommen, indem das Bemühen um Nähe gehemmt wird und jede Bedrohung, die das Bindungssystem aktivieren könnte, unterdrückt oder bestritten wird. Die Person neigt zu distanzierten Beziehungen und verspürt Unwohlsein bei zu großer Nähe. Es besteht ein ausgeprägtes Bemühen um Stärke und Eigenständigkeit sowie eine Unterdrückung emotional belastender Gedanken und Erinnerungen.
 
Darüber hinaus ist es wichtig zu wissen, dass das Motivationssystem der Bindung biologisch angelegt ist und durch die Botenstoffe Dopamin und Oxytocin gesteuert wird und auf feinfühlige Zuwendung, Anerkennung und Liebe reagiert. Nach aktuellem Forschungsstand werden die neuronalen Verschaltungen für das Motivations- und Bindungssystem im Gehirn in den ersten drei Lebensjahren ausgebildet. Erfährt ein Kind in dieser Zeit zu wenig feinfühlige Zuwendung und Liebe, bilden sich die neuronalen Verschaltungen weniger stark aus. Im Erwachsenenalter produziert das Gehirn dann weniger Dopamin und Oxytocin, als Folge führt ein zu niedriger Dopaminspiegel zu Stimmungsschwankungen bis hin zur Depression. Ein erhöhter Dopaminspiegel ist dagegen eng verbunden mit positiver Stimmung und Glück.

Welche Bindungstypen gibt es?

Der Bindungsstil stellt also die Antwort auf die Frage dar, wie der Konflikt zwischen Nähe und Distanz eines Kindes oder später Erwachsenen gelöst wird. Wird Nähe hergestellt, oder Distanz oder kommt es zu einem  Hin- und Herschwanken zwischen Nähe und Distanz?
 
– sicherer Bindungstyp: zeigt schon als Kind eine effektive soziale Emotionsregulation, da negative Emotionen durch die Nähe und Kommunikation der Bindungsperson reguliert werden oder durch die innere Repräsentation, so dass er dann wieder bereit ist die Umwelt zu erkunden. Im Jugend- und Erwachsenenalter kann dieser Typ Bindung wertschätzen, und über positive und negative Bindungserfahrungen kohärent erzählen.
 
– unsicher-vermeidender Bindungstyp: kommuniziert schon als Kind seinen Kummer und Angst nicht der Bezugsperson, es unterdrückt und verdrängt unangenehme Gedanken und physiologische Stressreaktionen.  Im Jugend- und Erwachsenenalter idealisiert dieser Typ die Bindungsperson bei mangelnden Erinnerungen, da negative Erfahrungen nicht integriert sind und Bindung wird grundsätzlich abgewertet.
 
– unsicher-ambivalenter Bindungstyp: zeichnet sich als Kind durch eine hohe Ängstlichkeit aus und reagiert mit widersprüchlichen Gefühlen auf die Bindungsperson, so dass zwar die Nähe der Bindungsperson gesucht wird es aber nicht zur Beruhigung führt. Als Folge ist das Kind nur verzögert wieder bereit die Umwelt zu erkunden. Im Jugend- und Erwachsenenalter erfolgt eine widersprüchliche Bewertung der Bindungsgeschichte und es herrscht Ärger über die Bindungspersonen vor.
 
– desorganisierter Bindungstyp: fehlt als Kind eine klare Bindungsverhaltensstrategie oder ein erkennbares Ziel, nach einer Trennung wieder Nähe herzustellen oder emotionale Erregung zu regulieren, typische Verhaltensweisen sind die Annäherung an die Bezugsperson mit abgewandtem Gesicht oder plötzlichem Erstarren bei Annäherung. Dieser Typ kann sich im Jugend- oder Erwachsenenalter nur schlecht erinnern oder erzählt nur mit ausgeprägten Lücken und zusammenhangslos, wenn er über seine Verlusterfahrungen spricht.

Sichere Bindung als stabiles Fundament der Persönlichkeit

Sichere Bindung kann als psychischer Schutz verstanden werden, der zu einer gesunden Persönlichkeitsentwicklung beiträgt. Besteht eine sichere Bindung, dann hat das Kind gelernt seiner Bindungsperson vertrauen und sich auf sie verlassen zu können. Es hat Urvertrauen in das Leben und in die Menschen entwickelt, das ein Leben lang anhalten wird. Das ist die beste Voraussetzung für Spiel, Exploration der Umwelt und soziale Kontakte. Dies hat positive Auswirkungen im weiteren Leben auf die Gesundheit im Allgemeinen, da insbesondere folgende Aspekte gefördert werden:
 
– das eigene Einfühlungsvermögen gegenüber anderen Menschen
– die Widerstandsfähigkeit gegenüber Belastungen des Alltags
– das Selbstvertrauen in die eigene Bewältigungskompetenz und das Selbstwertgefühl
– die Beziehungs- und Konfliktfähigkeit und Kompromissfähigkeit
– eine intakte Regulation von Nähe und Distanz zu anderen Menschen
– die Fähigkeit, um Hilfe zu bitten und Hilfe zu geben
– das Setzen von Grenzen ohne schlechtes Gewissen
– das Führen von harmonischen stabilen Beziehungen
– eine eigene Kreativität, Flexibilität und Ausdauer
– das Gefühl von Glück
 
Deine Bindungserfahrungen und die daraus entstandenen Bindungsstile wirken sich in all Deine Lebensbereiche aus: in Deine Partnerschaft, Deine Freundschaften, Dein Berufsleben oder in Dein Studium und in die Erziehung Deiner Kinder.  Diese Erfahrungen bestimmen mit, wie Du mit Deinem Gegenüber umgehst. Dabei gibt es eine Tendenz, dass Bindungstypen über Generationen weitergegeben werden.
 
Nachdem die sichere Bindung für ein stabiles Fundament der Persönlichkeit sorgt, spielt sie insbesondere in  Lebensphasen des Übergangs eine wichtige Rolle. Wenn Du Dich also in der Übergangsphase vom Jugendlichen zum Erwachsenen befindest oder nach dem Schulabschluss vor Beginn Deines Studiums oder Deiner Ausbildung, dann kann sie eine wichtige Ressource darstellen um diese Zeit gut zu meistern und in die Eigenständigkeit und in die Rolle des Erwachsenen hineinzuwachsen. Das Gute ist, das Bindungssystem ist wandelbar, selbst wenn Du keine guten Kindheitserfahrungen gemacht hast, kannst Du im Erwachsenenalter mit neuen sicheren Erfahrungen Deinen Bindungsstil verändern!

Wenn Du mehr zu dem Thema wissen möchtest, dann buche doch eine Einzelsitzung bei Ulrike, sie unterstützt Dich gerne Deinen Bindungsstil kennenzulernen und gute sichere Bindungserfahrungen zu machen! 

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Ich bin Ulrikes Assistentin, Sandra